Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Dich aber, süße Sprache Deutschlands

22. März 2012

Sie merken es, liebe Leserinnen und Leser,

irgendwie ist Zitatwoche im Deutschblog.  Die Frühlingssonne kitzelt uns die Nase, weckt unsere Emotionen wie es sonst nur die deutsche Sprache kann. Na gut – fast nur… Wie die deutsche Sprache?  Aber sicher doch! Indignation, Verstümmelung, Fluch – so düster grollte es gestern noch bei Schopenhauer, der im Gegensatz zu uns in Rechtschreibfragen wohl keinen Spaß verstand. Geht’s noch deutscher? Doch zurück zum Licht: Genießen Sie die Liebeserklärung des großen Jorge Luis Borges an die deutsche Sprache!

Ode an die deutsche Sprache

Die kastilische Sprache ward mir zum Schicksal,
Franzisco de Quevedos Bronze,
aber auf dem langen Weg durch die Nacht;
erheben sich andre, intimere Musiken.
Eine wurde mir aus dem Blute geschenkt –
O Stimme Shakespeares und der Schrift –
Andere durch Zufall, der freigebig ist,
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht, ganz von mir aus.
In Nachtwachen und mit Grammatiken,
aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand, das nie den präzisen Beiklang trifft,
näherte ich mich Dir.

Meine Nächte sind mit Virgil angefüllt;
So sagte ich einmal;
Ich könnte aber auch gesagt haben:
Mit Hölderlin und Angelus Silesius.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht;
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd;
Keller die Rose, gelegt von der Hand
in die eines Toten, der die Blume liebte
und der nie wissen wird, ob sie weiß oder rot ist.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk;
Die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal. Heute, am Saum der müden Jahre;
Gewahre ich Dich in der Ferne;
Unscharf wie die Algebra und den Mond!

Denk dir dein Deutsch


Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, POESIE


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