Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Schwül und gewittrig: Mediengerecht schimpfen

31. Mai 2012

 

Überall ist Druck. Druck muss entweichen. Auch sprachlich. Und wenn Druck sprachlich entweicht, entstehen Verwendungen des Deutschen, die gemeinhin als weniger erfreulich empfunden werden. Der Ton wird dann schon mal beleidigend, der Jurist oder der Gebildete spricht von Verbalinjurie. Sprache ist dann “in” und “ius”, “un-” und “Recht”, sie tut jemandem unrecht und sie tut jemandem weh.

Auffällig oft ist das Thema derzeit im öffentlichen Raum anzutreffen. Auch im virtuellen Raum des Internets. Für diesen forderte Sascha  Lobo in einem Artikel auf Spiegel Online unlängst eine “vernünftige Beleidigungskultur im Netz”:

“ Es darf kein Recht darauf geben, im Internet unbeschimpft zu bleiben. Zu fließend sind die Grenzen zur Beschneidung der Meinungsfreiheit, des höchsten digitalen Gutes, zusammen mit dem Recht auf Anonymität im Netz. Und die Zerstörung dieses Rechts ist oft genug das Ziel digitalreaktionärer Kräfte, die noch jede Abmahnung wegen eines angeblich ehrabschneidenden Kommafehlers für gerechtfertigt halten. Naiv dagegen zu glauben, dass die Strafbarkeit der Schmähkritik auch nur einen einzigen Internetvandalen von der Pöbelei abgehalten hätte. Der Beschimpfungsmarkt kann und muss liberalisiert werden, ohne gleich Mobbing und Hetze zu legalisieren. Das ist auch möglich: Es gibt einen feststellbaren Unterschied zwischen einer kränkenden Beleidigung und einer verbalen Vernichtungsjagd. Aber es ist ein Trugschluss, dass eine Gesellschaft besser ist, in der jemand nur deshalb nicht “Arschloch” ins Internet schreibt, weil es strafbar ist.”

Auch geschrieben hat die deutsch-kurdische Schriftstellerein und Journalistin Mely Kiyak. Und zwar in den Onlineausgaben der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau.

Sie bezeichnete Thilo Sarrazin, dessen rechte Gesichtshälfte infolge einer Operation eines Tumors teilweise gelähmt ist, als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“. Die Aussage wurde zunächst kommentarlos entfernt, später wurde der Artikel depubliziert.  Kiyak nahm zu dem Satz mit den Worten Stellung: „Meine Intention war zu keinem Zeitpunkt, ihn persönlich herabzusetzen. Thilo Sarrazin erscheint als Diskutant ungewöhnlich und erfordert aufgrund seiner Sprache, Gestik und Mimik Toleranz und Rücksichtnahme. Selbst verweigert er aber diese Rücksichtnahme und Toleranz hinsichtlich Erscheinungsbild, Lebensformen, Herkunft und Disposition Anderer. Mir ging es darum, auf seine eigenen – nicht körperlich bedingten – Unvollkommenheiten in seinem Auftritt hinzuweisen; wie ich jetzt finde, mit unzulässigen Mitteln. Wenn ich den physiologischen Hintergrund gekannt hätte, hätte ich das Bild nicht gewählt. Ich bedauere das sehr!“

Wenn das Grimmsche Wörterbuch Höflichkeit noch definiert als “auf hofgemäsze weise, nach art eines fürstlichen hofes”, dann hat Kanzleramtsminister Ronald Pofalla  dagegen verstoßen – nicht an einem Fürstenhof, aber immerhin …

Der inzwischen berühmte Satz „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen”  als Reaktion auf die eurokritischen Äußerungen seines Parteikollegen Bosbach ist auch ohne germanistische Vorbildung sehr eingängig und ein Leckerbissen für die schreibende Zunft. Wir halten fest: Fresse leitet sich vom Verb fressen ab; als Synonyme können Klappe, Maul oder Schnauze angeführt werden. Die häufigsten Kollokatoren sind /große/, /polieren/ und /halten/.

Joschka Fischer wusste da immerhin noch, was sich gehört: Seinem Diktum “Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ schickte er gegenüber dem damaligen Parlamentspräsidenten Richard Stücklen noch voraus:  „Mit Verlaub”. Die Grimms wissen hierzu: “Verlaub: hierzu die noch bis heute übliche, formelhafte redensart ‘mit verlaub’, besonders als einführung einer möglicher weise anstöszigen sache und rede.” Wir schließen mit Goethe: “Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück, der zu verwunden glaubt.”

  Andreas Cyffka

DEUTSCH: MANCHMAL GEFÄHRLICH

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES

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Was noch nicht im Wörterbuch steht – oder nicht unbedingt darin stehen wird

31. Mai 2012

 

wulffen: nicht unbedingt lügen, aber auch nicht die volle Wahrheit sagen
 
Hartz-4-TV:  Bezeichnung für bestimmte Fernsehsender und die typischerweise von diesen Sendern in der Zeit zwischen 8 und 17 Uhr ausgestrahlten Sendungen
  
Planking: das Verhalten, sich mit angelegten Armen irgendwo flach wie ein Brett (Engl.: plank) hinzulegen; die Relevanz eines Planking-Aktes gilt unter Planking-Anhängern als besonders hoch, wenn der Ort des Hinlegens möglichst spektakulär gewählt ist. Die Fotos einer Planking-Aktion werden gern ins Internet gestellt.
 
zugetackert: mit vielen Piercings 
 
too much: kritisch für alles, das zu übertrieben, zu teuer, zu schrill, eben too much ist

24/7: Bezeichnung dafür, dass jemand 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche, mithin: permanent verfügbar, erreichbar oder ansprechbar ist bzw. ein Laden oder Dienstleistungsbetrieb dauernd geöffnet hat.

Fahrstuhlmusik: leicht abwertende Bezeichnung für belanglos dahinplätschernde, seichte Musik

Dönermann: Dönerverkäufer

daddeln: Computerspiele spielen

A-Blogger: Mitglied der Blogger-Königsklasse; Blogger, dessen Blog sehr viel Traffic hat, also etwas, von dem ein C-Blogger nur träumen kann

asapst: schnellstmöglich; Kreuzung aus der englischen Abkürzung ASAP ( as soon as possible) und deutscher Superlativendung

Show-Cooking: das, was in einer TV-Koch-Show passiert

 Andreas Cyffka

 

BlogWithIntegrity.com

DEUTSCH: IMMER IM WERDEN

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDBÜRO

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Fuck off, school!

30. Mai 2012

 

Das Graffito zeigt: Auch der richtige Anglizismengebrauch will gelernt sein.  Auch wenn weniger oft mehr ist: Sparsamkeit an der  falschen Stelle führt zu nichts – schon gar nicht zu authentischem Englisch. Ein “off” möchte es schon sein. Dann wäre es vielleicht sogar netter als “Scheißschule”.  Als Kandidaten bei der Wahl zum Sprachpanscher des Jahres können wir den unbekannten Urheber nicht aufstellen.  Sein Werk haben wir dennoch schon mal in unsere Sammlung aufgenommen. Man weiß ja nie, was mal Kunst wird.

DEUTSCH: GIB ALLES!

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES

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Du Fisch

29. Mai 2012

 
 

Die Stuttgarter Nachrichten berichteten Anfang des Jahres über einen interessanten Sprachgebrauch.

Nach einer frühmorgendlichen Rangelei vor gut einem Jahr auf dem Parkplatz eines Fellbacher Schnellrestaurants legten die Beamten einem der zwei alkoholisierten, renitenten jungen Männer Handschließen an. Das fand sein Kumpel überhaupt nicht in Ordnung, und er schleuderte den Beamten darauf ein „Fisch“ entgegen.

Der Fall landete vor dem Waiblinger Amtsgericht. Der “Fisch” wurde mit einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 15 Euro, in der Summe also 300 Euro, geahndet.

Die Kommentare der Richterin in der „Fisch“-Verhandlung  wurden von vielen Polizeibeamten trotz der Geldstrafe als unangemessen angesehen:  „Fisch ist ein schweres Schimpfwort“, erklärte einer der Polizisten im Zeugenstand. Darauf die Richterin: „Wenn er Sie Esel, Schwein oder Bulle genannt hätte, könnte ich das verstehen – aber Fisch?“ Sie jedenfalls, so wiederholte sie später im Prozess nochmals, würde sich durch „Fisch“ nicht beleidigt fühlen, diese Bezeichnung sei „nicht wirklich schlimm“.

Tatsächlich hat sich mittlerweile auch der Chef der Waiblinger Polizeidirektion per Brief ans Amtsgericht gewandt. Ihm gehe es um den grundsätzlichen Respekt, den Polizeibeamte – nicht als Privatmenschen, sondern als Vertreter des Rechtsstaats – verdienten. Außerdem verweist er auf eine kürzlich von einer Berufsschullehrerin aus Markgröningen erhobene Befragung in der eigenen Klasse, wonach das Schimpfwort „Fisch“ in einer Skala von eins bis zehn (Höchstwert gilt als beleidigend, unverschämt) zumindest Polizisten gegenüber zwischen sieben und zehn anzusiedeln sei.

Die Stuttgarter Nachrichten zitierten in diesem Zusammenhang auch das Pons Wörterbuch der Jugendsprache 2012, welches als Bedeutungserklärung von „Fisch“ „Trottel, Idiot“ angibt.

Andreas Cyffka

 BlogWithIntegrity.com

DEUTSCH KANN TEUER SEIN

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN

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