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Weil richtig schreiben wichtig ist

Espressi Verbis: Von den Schwierigkeiten des kleinen Kaffees

21. Mai 2012

 

 

 Sommer, Sonne, Straßencafé – es gibt eine Jahreszeit, da nehmen die italienischen Momente im Leben wieder zu, da weht ein Hauch von Bella Italia auch in Germania: Espresso und Latte, Kaffee, der auch einen Plural hatte – doch wie hieß der schon wieder?

Auf dem PONS Deutschblog begrüßen wir heute herzlich einen Sprachwissenschaftler, der Licht in solche Fragen bringen kann. Professor Dr. Elmar Schafroth lehrt Romanistik an der Universität Düsseldorf. Im folgenden Blogbeitrag lädt er unsere Leserinnen und Leser ein auf ein, zwei Espresso – oder : Espressi – oder vielleicht doch lieber: Espressos?

 

 

Mein Sohn hat als Vierjähriger, wenn ich ihn auf die eine oder andere seiner “sprachlichen Unfertigkeiten” aufmerksam gemacht habe (z.B. Papa, ich habe mich geletzt), immer gesagt: “Ich kann sagen, wie ich will”. Das fand ich bemerkenswert. Und in der Tat: Warum sollten wir eigentlich nicht alle sprechen, wie wir wollen? Können wir doch auch, oder? – Ja, sicher, allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Denn wir werden, sobald wir den Mund aufmachen, ja schon irgendwie danach beurteilt, welchen Akzent wir haben (“Wo kommt denn der her? Aus Bayan?”), welche Wörter wir wählen und wie “korrekt” wir sprechen – wobei die, die uns beurteilen, meist gar nicht so recht wissen (so wenig wie wir selbst), was Bestandteil der sprachlichen Norm ist und was nicht. Es sind ja auch nicht alle Deutschlehrer, Germanisten oder Lexikographen…
Gehen wir also von der Prämisse aus, dass wir uns auf einem sprachlichen Markt bewegen (diesen Begriff entlehne ich von Pierre Bourdieu), auf dem das, was wir sagen, einen bestimmten Marktwert hat. Dieser richtet sich nach den Erwartungen und Usancen der jeweiligen sozialen Gruppe. Und diese definiert sich wiederum nach dem (gemeinsamen) Beruf, Alter, Bildungsgrad und anderen Parametern (einzeln oder gebündelt).

“Ich zahle zwei Espressos. Was macht das?” – “Due caffè, signore, das macht-e drei Ä-uro funfzig”.

Abgesehen davon, dass man in Italien gar nicht espresso, welches eine Kurzform von caffè espresso (‘jedes Mal frisch, also schnell zubereiteter Kaffee’) ist, verwendet (sondern caffè), wir in Deutschland aber unter Kaffee etwas anderes verstehen und offenbar deshalb aus rein kommunikativer Notwendigkeit auf Espresso zurückgreifen müssen, mag sich manche(r) schon gefragt haben, ob sie oder er im Eiscafé oder in der Pizzeria nun “zwei Espressos”, “zwei Espressi” oder “zwei Espresso” bestellen soll. “Zweimal Espresso” geht immer, der Rest sind Varianten, die frei gewählt werden können, aber, wie gesagt, einen unterschiedlichen Marktwert haben: “zwei Espressos” (mein Gott, der war auch noch nie in Italien!), “zwei Espressi” (Angeber!), “zwei Espresso” (na ja, warum nicht? Ich sag’ ja auch “zwei Bier”!). Befragt man das Orakel von Mannheim, so erfährt man, dass die Formen Espressos und Espressi gleichwertig seien, verbindet man aber ein Zahlwort mit dem Substantiv Espresso, dann bleibt dieses unverändert: drei Espresso (Duden Unversalwörterbuch, 2001).
An dieser Stelle lässt es sich nicht vermeiden, ein wenig aus dem sprachwissenschaftlichen Nähkästchen zu plaudern. Das Italienische ist eine starke Genussprache, will heißen, maskuline und feminine Wörter (Substantive, Adjektive, Pronomina) haben in den meisten Fällen verschiedene Formen (die maskulinen Nomina enden im Singular oft auf o, die femininen oft auf a), und dieser Unterschied wird in einem Satz gleich mehrfach kodiert (in dem Satz “I tre cappuccini te li sei bevuti difilato”, auf Deutsch ‘Die drei Cappuccino hast Du einen nach dem anderen getrunken’, wird der Plural gleich viermal kodiert: durch i, cappuccini, li, bevuti). Im Sprachsystem des Deutschen ist das völlig anders geregelt, abgesehen davon, dass wir drei grammatikalische Geschlechter (Genera) haben: Die Endung er kann in einem maskulinen Substantiv (der Becher), einem femininen (die Leiter) oder in einem neutralen (das Messer) enthalten sein. Im Italienischen kann ein auf o endendes Substantiv kein Femininum sein, wenn es nicht gerade eine Abkürzung ist (wie la foto und la radio) oder wenn es nicht gerade mano ‘Hand’, eco ‘Echo’ oder dinamo ‘Dynamo’ lautet (alle feminin!). Entsprechend sieht es dann mit den Pluralformen auf: Aus cappuccino wird cappuccini, aus pizza der Plural pizze.

Nun könnten wir sagen: Was geht uns die italienische Morphologie an? Wir haben so viele Möglichkeiten, einen Plural zu bilden (Kind/Kinder, Vogel/Vögel, Maus/Mäuse, Messer/Messer, Seite/Seiten, Steak/Steaks, Paella/Paellas, Kanapee/Kanapees u.a.m.), warum können wir nicht eine von diesen nehmen? Aber gerade wenn wir die letzten drei Fälle betrachten, sehen wir, dass wir uns in diesen Lehnwörtern des sogenannten s-Plurals bedienen, der laut Duden-Grammatik (6. Auflage von 1998, §389) bei “Kernwörter[n]” [= nativen Wörtern des Deutschen] steht, “die auf unbetonten klingenden Vollvokal enden” (z.B. Omas, Autos, Fotos, Echos), aber auch bei Personennamen (die Grimms), einigen Fachwörtern (die Hochs, Tiefs) und in einigen mundartlichen oder umgangssprachlichen Fällen (die Kerls, Fräuleins, Mädchens, Jungs). Auf diese Weise können wir sogar Pluralformen von Lehnwörtern bilden, die den Originalen entsprechen: englisch steaks, spanisch paellas und französisch canapés. Leider klappt das bei cappuccino und grappa nicht, da der Plural im Italienischen eben nicht durch Hinzufügen eines Zeichens, also additiv, gebildet wird, sondern suppletiv, durch die Alternanz von Zeichen (eben i für o und -e statt a).
Ist das nun ein Argument für oder gegen die Pizzas und Cappuccinos? Rein funktional und ökonomisch gesehen: dafür. Nicht aber was die soziale Wertigkeit der Formen betrifft, denn wenn man im Deutschen – und das muss jetzt mal gesagt werden – von zwei Cappuccini, drei Pizze oder gar vier Grappe spricht, so ist das ein Bildungsplural der distinguiertesten Sorte, den nicht wenige als hirnrissig bezeichnen würden; ähnlich wie man es als Bildungsgenus bezeichnen könnte, wenn man die Mozzarella oder der Pont neuf in Paris sagt. “Bildungsplurale” – die oft auch gleichzeitig fachsprachliche Plurale sind – liegen übrigens auch vor, wenn wir von Boni, Soli, Emeriti, Interna, Mensen, Lapsus und Topoi sprechen oder schreiben… (in der Bildungspresse und im akademischen Kontext unabdingbar).
Innerhalb des sprachlichen Marktes “Gleichgesinnter” kann der Gebrauch solcher soziokulturell hoch markierter Formen unfallfrei vonstatten gehen, außerhalb jedoch läuft man Gefahr, sich lächerlich zu machen. Wobei nicht alle Fälle gleich empfunden werden: eine Grappa (Italiener in Deutschland bitte weghören!) ist sicher ebenso affektiert wie drei Pizze, die zwei Espressi schon weniger. Manchmal entstehen auch – vornehmer klingende – Zweitformen wie die Pizzen (vermutlich weil dieses Gericht quer durch alle Schichten beliebt ist). Ein sprachliches “No go” hingegen sind für viele die Formen Spaghettis und, noch schlimmer, Gnottschis (zu italienisch gnocchi [njokki]). Jedenfalls sammelt man keine Punkte, wenn man so spricht… (außer man “parodiert” diese Sprachverwendungsweisen). Na ja, das kommt auf dem sprachlichen Markt an. Bastian Sick (Der Dativ ist der Genitiv sein Tod, 2004, S. 51ff.) siedelt diese doppelten Pluralmarkierungen (bei ihm Visas, Antibiotikas, Solis oder Internas) bekanntlich im “Irrgarten der deutsche Sprache” an…. Auch die Euros sind ein bisschen “marktspezifisch”, würde ich jetzt behaupten.
“Die Pizzas schmecken bei meinem Italiener um die Ecke am besten” scheint hingegen irgendwie zu funktionieren. Vielleicht kommt es ja auch darauf an, ob der Italiener Inhaber einer rustikalen Pizzeria oder eines exklusiven Ristorante ist… Damit bin ich wieder bei der Theorie des ‘Marktes’. So könnte doch ein Schuh draus werden: Wer sich den (impliziten) Normen des jeweiligen sozialen und sprachlichen Markts anpassen möchte, bestellt sich in der kleinen Pizzeria seine Pizzas und trinkt seine Espressos, im piekfeinen Ristorante hingegen könnten ja dann Pizzen (bitte nicht Pizze) verzehrt und Espressi geschlürft werden. Wenn man nicht gleich Italienisch reden will – was natürlich auch pure Angabe ist. Oder man folgt dem eingangs zitierten Ausspruch: “Ich kann sagen, wie ich will!”. Schließlich schmecken die zwei Tässchen starken Kaffees in jedem Fall auch dann, wenn sie mit einem deutschen Plural bestellt wurden. Oder?

 

Im einem weiteren Artikel erklärt Professor Schafroth unseren Lesern demnächst auf PONS Deutschblog, wie man einen Lamborghini zu Sprachschrott fahren kann…

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Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GÄSTE IM DEUTSCHBLOG, WISSENSWERTES


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