Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Axe des Bösen

12. Juni 2012

 

 

 

 

OK, ich gebe es zu: Ich lese Bastian Sicks Zwiebelfisch-Kolumne.  Nur die aktuelle, Werbung mit Spliss, fand ich schwach. Warum?

Der Autor, der sympathischerweise  (sprachliche) “Unsicherheiten und Fehler” als “menschlich” und daher als ”im Alltag verzeihlich” betrachtet, sieht – treten diese in der Werbung auf – in ihnen ”ein Zeichen mangelnder Professionalität”.

Auslösend für die Betrachtungen Sicks war, dass dieser “beim näheren Betrachten einer Shampoo-Flasche der Marke Pantene Pro-V”  den Hinweis “Für zu Schuppen neigendem Haar” gefunden hat. Angesichts der auf solchen Verpackungen üblichen Schriftgößen muss die Betrachtung in der Tat aus sehr großer Nähe erfolgt sein.  Nicht viele hätten wie Sick wohl erkannt, dass es richtig hätte heißen müssen: “Für zu Schuppen neigendes Haar”: “ Die Präposition “für” erfordert den Akkusativ”!

Der Grammatikfehler auf der Shampoo-Flasche symbolisiere – so philosophiert Sick - den Spliss unserer Werbekultur.

In der Werbung werde sehr viel Wert auf Gestaltung gelegt, aber immer weniger Wert auf sprachliche Genauigkeit. Dabei sei die Sprache ein wichtiges Werkzeug der Werber, und in der Beherrschung seiner Werkzeuge spiegele sich die Professionalität eines Menschen.

In dieses missliche Feld der Unprofessionalität falle demnach auch die jüngste Kampagne für Axe, die einen Effekt “FÜR’S HAAR” verspricht und dabei einen Apostroph verwendet, “der schon seit langem als falsch gilt”. (Warum “gilt”? Er IST falsch.)

Was missfällt mir daran? Man mag sich an dem schulmeisterlichen Tonfall stören. Man kann aber auch der Scheinlogik zum Opfer fallen, welche diese Argumentation durchzieht. Von einem Arzt und einem Handwerker erwarten wir das Genannte, weil wir ihn oder sie mit dem Lösen unserer gesundheitlichen oder haustechnischen Probleme  beauftragt haben. Wir haben keinen Werbetexter beauftragt für uns zu werben.  Die Werbeagentur beauftragt hat – wie Sick ja auch bemerkt – der Hersteller der Produkte; für diesen wird sich Professionalität leicht anders definieren als für einen Deutschlehrer oder Sprachblogger. Für das Duden Universalwörterbuch ist Professionalität schlicht “das Professionellsein”. Nimmt man die für “professionell” genannten Synonyme “kompetent” und “qualifiziert” als Maßstab, dann ist für Werber wohl die Kreierung von Aufmerksamkeit, Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit Zeichen davon.  Nicht von ungefähr waren es gerade sprachlich verunfallte Slogans wie das legendäre Come in, find out, For you vor Ort oder Soo! muss Technik, die Sprachkritiker in Wallung, Feuilletonisten an die Tastaturen und  Marketingleiter wahrscheinlich zum Jubeln brachten. Kampagnen machen Marken, nicht Deutschaufsätze.  Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Im Blog von PONS Die deutsche Rechtschreibung mache ich mich hier nicht stark für sprachliche Schlampigkeit. Ich empfehle auch nicht das Kokettieren mit der orthografischen Nachlässigkeit als Zeichen der neuen Coolheit.

Ich meine nur, dass das Schluss-Diktum des Zwiebelfisch auf deprimierende Art falsch ist:

“Vielleicht ist die Zeit reif für ein wirksames Pflegemittel “Für zu Fehlern neigendes Deutsch”? Damit müsste man in diesem Land Millionen verdienen können!”

Man wird mit Haarpflegemitteln immer weitaus mehr Millionen verdienen können als mit Deutschhilfen. Sex sells, Kleinlichkeit smells. Und die Zeit? Die erhält vermutlich das, wofür sie reif ist: Sprache, die gewissermaßen ihren Platz einnimmt. Die eine Geige spielt, die nicht die erste ist.

Andreas Cyffka

 

ABlogWithIntegrity.com

DEUTSCH: MIT HAUT UND HAAR

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES


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