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Translatio ex machina? Oder gibt es die „perfekte“ Übersetzung nur aus Menschenhand?

11. Juli 2012

 

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Jens Thomas von der content.de AG. Seit April 2012 bietet content.de in Zusammenarbeit mit der arvato Medienfabrik einen professionellen Übersetzungsservice für acht europäische Sprachen an.

 

 

 

„Ist es nicht sonderlich, dass eine wörtliche Übersetzung fast immer eine schlechte ist? Und doch lässt sich alles gut übersetzen. Man sieht hieraus, wie viel es sagen will, eine Sprache ganz verstehen; es heißt, das Volk ganz kennen, das sie spricht.“

Was der deutsche Aphoristiker und Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-99) zu Zeiten der Aufklärung behauptete, bewahrheitet sich auch heute noch: Nur in den seltensten Fällen reicht eine wörtliche Übersetzung aus, um den Sinngehalt einer Aussage zufriedenstellend wiedergeben zu können. Gerade dann, wenn Wortspiele, mehrdeutige Anspielungen, rhetorische Stilmittel etc. den besonderen Reiz eines Textes ausmachen, zerstört eine zu wörtliche Übersetzung seine Eleganz. Ein Gedicht 1:1 und Wort für Wort aus einer Sprache in eine andere zu übersetzen, wird dem Wert des Gedichtes ungefähr so gerecht, wie wenn man die Mona Lisa mit einem Bleistift abzeichnet und dann behauptet, man hätte das beliebte Kunstwerk nun in seinem Notizblock. Aber woran liegt das?

 

Übersetzungen überall

Übersetzungen, gute wie schlechte, begegnen uns ständig und überall. Schalten wir den Fernseher an, hören wir Synchronsprecher, die die eingedeutschten Drehbücher unserer Lieblingsserien nachsprechen. Lesen wir die Gebrauchsanweisung einer neuen technischen Anschaffung, haben wir gleich oft die Wahl zwischen zehn, fünfzehn, manchmal zwanzig Sprachen. Sprachaffine Hobby-Linguisten können sich an guten Übersetzungen stundenlang erfreuen, aber auch der sprachsensibelste Profi kann nicht den ganzen Tag sämtliche Übersetzungen identifizieren, wenn er sie sieht: Oftmals sind wir uns schlicht und einfach nicht im Klaren darüber, wie viele Übersetzung wir den ganzen Tag antreffen. Schade eigentlich, denn bei Übersetzungen handelt es sich um ein sehr komplexes und spannendes Thema. Aber das muss man Deutschblog-Lesern wohl nicht mehr erklären…

 

Übersetzungen aus der Maschine

Bei der großen Nachfrage nach professionell übersetzten Texten ist es keine Überraschung, dass ein großer Übersetzungsmarkt besteht. Zahlreiche professionelle Übersetzungsbüros, selbstständige Übersetzer und internationale Online-Portale für Freelancer sprießen wie Pilze aus dem Boden. Gerade in Zeiten der stetig voranschreitenden Globalisierung spielt das Thema „Internationalisierung“ eine besonders wichtige Rolle: Für viele Unternehmen ist die Bereitstellung eigener Webseiten- und Werbetexte in möglichst vielen Fremdsprachen der erste Schritt, um international tätig und erfolgreich werden zu können.

Kein Wunder also, dass sprachlich interessierte Computerfreunde früher oder später auf die Idee kamen, eine Möglichkeit zu entwickeln, Sprachen maschinell übersetzen zu lassen. Der heutige Stand der computerbasierten Übersetzungstechnologie, die im Web vielerorts gratis verfügbar ist, reicht zwar noch nicht an die Leistungsfähigkeit menschlicher Übersetzer heran. Für gewisse Belange stellen maschinelle Übersetzungen aber dennoch ein durchaus sinnvolles Hilfsmittel dar. Sie verdeutlichen darüber hinaus auch das gesamte Spektrum der Herausforderungen, die eine Übersetzung mit Hilfe nicht-menschlicher Übersetzer so schwierig gestaltet.

Angefangen beim wohl meistgenutzten kostenlosen Übersetzungsservice im Internet, Google Translate, übersetzen wir beispielsweise das Sprichwort „Knapp daneben ist auch vorbei.“ ins Englische. Das Ergebnis: A miss is gone.“. Fast! Aber knapp daneben ist eben auch vorbei… Beispiele wie dieses zeigen auf, dass neben den betreffenden Vokabeln und der morpho-syntaktischen Struktur eines Textabschnittes immer auch ein Wissen über die Kultur beider betreffenden Sprachen gegeben sein muss. Denn so könnte ein Übersetzer unseren Beispielsatz sofort als Sprichwort identifizieren, anstatt sich einen Reim auf die fragwürdige Übersetzung einzelner Bestandteile machen zu müssen. Auf der anderen Seite ist aber anzuerkennen, dass beispielsweise die Redewendung „Ich habe die Nase voll.“ passend mit dem idiomatischen „I’m fed up.“ übersetzt wird. Dies zeigt, dass die maschinelle Übersetzung wenigstens bei bekannteren Formulierungen sinngemäß und treffsicher sein kann. (Wobei Google den gleichen Satz mit „hab“ statt „habe“ eitel als „I have the perfect nose.“ übersetzt…) Es ist damit zu rechnen, dass Übersetzungsprogramme mit der Zeit immer mehr Sprich- und geflügelte Wörter als solche identifizieren können werden.

Das teilweise noch große Verbesserungspotential maschineller Übersetzungen dient vielerorts aber auch der Belustigung. Zahlreiche Webseiten befassen sich mit dem weiten Feld der Sprachübersetzung und bieten so die Möglichkeit, sich so manches langweiliges Stündchen mit missglückten Übersetzungen zu versüßen. Der passend benannte „Bad Translator“ des US-amerikanischen Übersetzungsportals ackuna zum Beispiel übersetzt jeden gewünschten (englischsprachigen) Textschnipsel über verschiedenste Sprachen hin und zurück. Lässt man sich beispielsweise den Refrain von Totos „Hold the Line“ achtzehn mal hin und her übersetzen, wird mit dem Bing-basierten Übersetzer aus „Hold the line, love is not always on time!“ (bitte sehr für den Ohrwurm) ein poetisches „Still I love the lines to comment“ – u.a. via Thai, Spanisch, Koreanisch und die haitische Kreolsprache.

In aller Fairness: Natürlich werden diese Angelegenheiten hier sehr überspitzt dargestellt. Gerade der Bad Translator kann nicht ohne weiteres als repräsentativ für seriöse maschinelle Übersetzungen bezeichnet werden. So können der Google Translator und seine zahlreichen Artgenossen durchaus dabei helfen, auch längere Texte in einer Fremdsprache zumindest sinngemäß erschließen zu können. Wer sich früher in der Schule mit einem zweisprachigen Wörterbuch durch Lateinarbeiten und –klausuren gemogelt hat (so wie der Gastautor), weiß, dass auch eine nicht hundertprozentig grammatikalische Übersetzung dabei helfen kann, einen Text in einer anderen Sprache zu verstehen: Sobald die wichtigsten Hauptwörter in der eigenen Muttersprache offenbart werden, kann auch der Sinngehalt von Texten in einer sonst völlig fremden Sprache erahnt werden.

Maschinelle Übersetzungen bieten also den Vorteil, dass sie schnell, einfach und günstig fremdsprachige Texte zugängig machen können. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Anforderungsbereiche für Übersetzungen, die deutlich über das hinausgehen, was computergestützte Übersetzer heutzutage leisten können.

 

Übersetzungen aus Menschenhand

Vollends überzeugende und beispielsweise für den professionellen Bereich verwendbare Übersetzungen brauchen einen wirklich guten und vor allem menschlichen Übersetzer. Gerade auch dann, wenn technische Sachverhalte in andere Sprachen übersetzt werden sollen, ist es essentiell, dass sich der Übersetzer in der Zielkultur auskennt. Sollen beispielsweise technische Daten eines PKWs vom Deutschen ins amerikanische Englisch übersetzt werden, muss mehr getan werden, als Wort für Wort einen deutschen Text in einen englischen umzuschreiben. So wird ein amerikanischer Leser die Stirn runzeln, wenn ihm der Verbrauch eines Autos in liters per 100 kilometers vorgerechnet wird, da es in seiner Kultur üblicherweise in einem umgekehrten Verhältnis und mit anderen Einheiten formuliert wird: Nämlich in miles per gallon.

Aber auch unabhängig von technischen Daten muss ein Übersetzer sich in das Sprachgefühl der betreffenden Sprache hineindenken können. Und auch hier gibt es Spezialisierungen: Wer hauptamtlich Texte aus dem Rechts- oder Versicherungswesen übersetzt, könnte sich an der stilistisch authentischen Wiedergabe eines Gedichtes in der gleichen Sprache sehr schwer tun.

Wie schon bei maschinellen Übersetzungsanbietern, bestehen auch bei Übersetzern aus Fleisch und Blut teilweise erhebliche Qualitätsunterschiede. Wer Übersetzungen für ein eigenes Projekt braucht und an dieser Stelle spart, spart eindeutig am falschen Ende. Denn wer sich über unfreiwillig komische „übersetzte“ Texte beispielsweise aus Fernost lustig macht, sollte sichergehen, nicht selbst einen ähnlichen Fehler zu begehen!

 

Fazit

Reine Technik ist günstig und schnell, kann einen professionellen Übersetzer aber keinesfalls hundertprozentig ersetzen. Wenn mit gekauften Übersetzungen ein guter Eindruck gemacht werden soll, ist aus diesem Grund ein menschlicher Ansprechpartner meist die sinnvollere Alternative. In solchen Fällen muss deswegen gesagt werden: Mensch vs. Maschine, 1:0!

 

 

 

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