Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Operieren nach Gefühl

23. Januar 2013

 

Allzu häufig findet sich das Thema Rechtschreibung bzw. Schreiben derzeit nicht in den Medien. Wenn es dann doch mal passiert, schauen wir natürlich genauer hin – diesmal auf das Nachrichtenportal T-online.  Es geht um die Lernmethode “Lesen durch Schreiben (LdS). Das erinnert irgendwie an LSD – rein abkürzungstechnisch natürlich. Nur rein abkürzungstechnisch? Bei Schreibproduktionen wie “Varrat varn machd schbas!” für “Fahrrad fahren macht  Spaß” ist man geneigt das zu verneinen. Nein, nicht bewusstseinsverändernde Mittel lassen einen solche Sätze angeblich in den Heften deutscher Grundschüler lesen, sondern die  reformpädagogische Methode “Lesen durch Schreiben”, bei der Kinder Wörter so zu Papier bringen, wie sie sie akustisch wahrnehmen. Korrekturen durch Lehrer oder Eltern sind unerwünscht. Viele Mütter und Väter bringt das auf die Barrikaden, denn sie befürchten nachhaltige Rechtschreibschwächen bei ihrem Nachwuchs. Und die Kritik häuft sich – nicht nur in der Elternschaft.

Wer hat’s erfunden?  Entwickelt wurde das Konzept in den 70er Jahren vom 2009 verstorbenen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Eine Variante dessen ist die in Deutschland weit verbreitete sogenannte “Rechtschreibwerkstatt” vom Schulpsychologen Norbert Sommer-Stumpenholz. Danach sollen Kinder nicht mehr einzelne Buchstaben lernen, sondern zunächst nach Gehör schreiben – also gesprochene Sprache wiedergeben.

Jedem Kind steht die sog genannte Anlauttabelle zur Verfügung. Sie unterstützt beim Auffinden der Laute und zeigt dazu passende Bilder, wie etwa A für Affe, Eu für Eule oder Ei für Eis. Das Wort “Haus” entsteht dann beispielsweise, indem die Schüler das H von Hase, das Au von Auto und das S von Sonne abmalen und zu einer Klangkette zusammenfügen. Auf diese Weise erschließen sie sich selbstständig die Beziehung zwischen Laut und Bild und sollten dadurch schnell in der Lage sein, sich schriftlich mitzuteilen.

 

Seit 1995 wird LdS beziehungsweise die “Rechtschreibwerkstatt” auch an deutschen Schulen unterrichtet. Seither hat sich die Methode rasant verbreitet und wird inzwischen in allen Bundesländern angewandt. Allerdigs nicht in allen Schulen, denn die Umsetzung liegt im Ermessen jeder Schule.

Während Verfechter der Methode von schnellen Erfolgen schwärmen, zeigen sich in den folgenden Jahrgangsstufen aber dramatische Auswirkungen, wenn die Rechtschreibung plötzlich benotet werde, kritisierte nun der Schülerrat in München. Vor allem Migrantenkinder seien die Verlierer dieser Praxis. “Was Hänschen nicht lernt, das lernt der Hans nimmermehr”, sagt Jasmin Biber, eine Vertreterin des Schülergremiums. Das sei an den weiterführenden Schulen deutlich zu spüren.

Schreiben nach Gehör sei wie Operieren nach Gefühl, fügte Landesschülersprecher Timo Greger hinzu. “Momentan geht man offenbar davon aus, dass die Kinder die deutsche Sprache mit Schuleintritt perfekt beherrschen, denn nur dann wäre es überhaupt möglich, das Gesprochene lauttreu zu Papier zu bringen.”

Den größten Nachteil beim phonetischen Schreiben haben dem Schülerrat zufolge die Kinder von Zuwanderern. Sie müssten Deutsch als Fremdsprache lernen und hätten häufig nicht genügend Sprachgefühl, um das Diktierte lautgetreu wiederzugeben. Die Kinder müssten die Regeln der deutschen Rechtschreibung von Anfang an lernen, forderte der Schülerrat. Die Rückkehr zur alten Lehrmethode sei notwendig, um die Qualität der Grundschulen zu erhalten.
Ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums: “Wir verstehen, dass es Vorbehalte gegen die Lehrmethode gibt.” Unter den Lehrern und auch  unter Fachleuten gebe es unterschiedliche Auffassungen. Derzeit sei man in einem Diskussionsprozess. Für Herbst sei eine Anhörung mit Experten und Verbänden geplant. Im Frühjahr 2014 werde dann entschieden, wie die Rechtschreibung künftig an den bayerischen Grundschulen gelehrt wird.

Doch die kritischen Stimmen sind zahlreich und gehen über die bayerischen Landesgrenzen hinaus. Bereits 2005 belegte die sogenannte Marburger Studie, die die Effekte verschiedener Unterrichtsmethoden auf den Schriftspracherwerb bei Grundschülern untersuchte, negative Auswirkungen der Methode. 

Einer der schärfsten Kritiker der Methode ist der ehemalige Lehrer Günter Jansen aus der Eifel. Als seine älteste Enkelin vor sieben Jahren in der Grundschule nach diesem Konzept unterrichtet wurde, war er entsetzt; seitdem sammelt  Jansen Informationen zu LdS, die er in sogenannten “Elternbriefen” auf der Webseite “grundschulservice.de” veröffentlicht. 

Auch sei der Ansatz, geschriebene Sprache als Abbild von gesprochener Sprache zu definieren, falsch, meint die Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber. In zahlreichen Interviews und Statements äußert sich die Wissenschaftlerin kritisch zu LdS.  ”Die Kinder im Regen stehen zu lassen und ihnen den Eindruck zu geben, so wie du das machst, ist das schon okay, ist sicherlich das Falscheste, was man machen kann. Es ist unterlassene Hilfeleistung!” 





Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, WICHTIGES, WISSENSWERTES


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